Wenn Leute den RG28 sehen, lächeln sie wegen der Erinnerungen. Wenn ich ihn sehe, lächle ich wegen der Ingenieursleistung.
In einer Welt, in der moderne 1000-Watt-Mixer nach zwei Jahren den Hitzetod sterben, wirkt der RG28 mit seinen nominellen 150-170 Watt auf dem Papier schwach. Doch das ist ein Trugschluss. Als Techniker, der diese Geräte täglich wartet, zeige ich euch heute, warum der "Suhler Rührstab" technisch fast jedem modernen Gerät überlegen ist.
Wir schauen unter die Haube.
1. Der Mythos der Wattzahl: Drehmoment schlägt Marketing
Ein moderner Discounter-Mixer wirbt mit 600 oder 1000 Watt. Der RG28s hat laut Typenschild oft nur 170 Watt. Wie kann er trotzdem schweren Hefeteig kneten, bei dem der moderne Mixer raucht?
Die technische Erklärung: Moderne Geräte nutzen oft hochgezüchtete Universalmotoren mit extrem schlechtem Wirkungsgrad. Die "1000 Watt" sind die Aufnahmeleistung (was aus der Steckdose gezogen wird), nicht die Abgabeleistung (was am Quirl ankommt). Vieles davon verpufft als Wärme.
Der Motor des RG28 (Typ 1222.1 beim RG28s) ist auf Dauerlast und Drehmoment ausgelegt, nicht auf Spitzenleistung.
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Kühlung: Das Lüfterrad ist direkt mit der Motorwelle gekoppelt und saugt die Luft so durch das Gehäuse, dass der Motor auch bei niedrigen Drehzahlen (unter Last) nicht sofort überhitzt.
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KB-Zeit (Kurzbetriebszeit): Während moderne Anleitungen oft sagen "Max. 2 Minuten Betrieb, dann 10 Minuten Pause", war der RG28 nach TGL-Normen (Technische Güte- und Lieferbedingungen der DDR) für deutlich härtere Zyklen konstruiert.
2. Das Material: Polyamid statt Billig-Plastik
Das größte Geheimnis der Langlebigkeit liegt im Getriebe. Wenn ich einen RG28 öffne, finde ich zwei Hauptzahnräder (die, die die Quirle antreiben).
Diese sind aus Polyamid.
Polyamid ist ein thermoplastischer Kunststoff mit hervorragenden Gleiteigenschaften und hoher Zähigkeit.
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Vorteil 1: Es ist "selbstschmierend" (zu einem gewissen Grad), benötigt aber dennoch Fett.
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Vorteil 2: Es ist nicht spröde. Wenn ein harter Brocken im Teig ist, "flext" das Material minimal, statt wie billiges ABS oder Polycarbonat sofort Zähne zu verlieren.
Das Gehäuse selbst besteht ebenfalls aus einem schlagzähen Kunststoff (oft Polystyrol oder ABS in dicker Wandstärke), der nicht verklebt, sondern verschraubt ist. Das Gehäuse ist elastisch genug, um Stürze vom Küchentisch zu überleben – ein modernes Hartplastik-Gehäuse würde splittern.
3. RG28s vs. RG28e: Die Steuerung
Oft werde ich gefragt: "Was ist der Unterschied?" Hier geht es um die Ansteuerung des Motors.
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RG28s (Stufen): Hier wird die Drehzahl mechanisch-elektrisch über Vorwiderstände und Feldanzapfungen geregelt. Ein simpler Schiebeschalter schaltet verschiedene Wicklungen. Vorteil: Extrem robust, kaum Elektronik, die kaputtgehen kann.
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RG28e (Elektronik): Das "E" steht für Elektronik. Hier kommt eine Phasenanschnittsteuerung (ähnlich wie bei einem Dimmer) zum Einsatz. Das ermöglichte die stufenlose Regelung. Zwar etwas anfälliger für Bauteilalterung (Kondensatoren), aber für damalige Verhältnisse High-Tech in der Küche.
4. Die Achillesferse (und wie man sie behebt)
Ist der RG28 unzerstörbar? Fast. Aber auch er hat Feinde. Nach 40 Jahren sind das meist nicht die Zahnräder, sondern die Chemie.
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Der Entstörkondensator: Alte Folienkondensatoren können mit der Zeit Risse bekommen und "hochgehen" (der berühmte Knall mit Rauchwolke). Der Mixer läuft oft trotzdem weiter, aber der Funkstörungsschutz ist weg. Das ist leicht zu beheben.
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Das Fett: Das originale Getriebefett verharzt nach vier Jahrzehnten. Es wird zäh wie Klebstoff. Der Motor muss dann gegen den eigenen Widerstand arbeiten, wird heiß und langsamer.
Mein Profi-Tipp: Ein RG28 stirbt nicht, er wird nur schmutzig. Wer das alte Fett entfernt und durch modernes lebensmittelechtes Hochleistungsfett ersetzt und die Kohlebürsten prüft, schenkt dem Gerät weitere 20 Jahre Leben.
Fazit: Reparieren ist logisch, nicht nur nostalgisch
Der RG28 ist der Beweis, dass wir "Obsoleszenz" nicht akzeptieren müssen. Er wurde in einer Mangelwirtschaft gebaut, in der Material kostbar war. Deshalb musste das Produkt halten. Heute ist Material billig und Arbeit teuer, deshalb wird weggeworfen.
Bei SECCEND drehen wir dieses Prinzip um. Mit den richtigen Ersatzteilen und etwas Pflege ist dieser Mixer nicht nur ein Stück Geschichte, sondern immer noch das zuverlässigste Werkzeug in deiner Küche.



